Tutorien

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Einige Überlegungen zum Thema „Tutorien“

1 Warum Tutorien?

Tutorien gewinnen zunehmend an Bedeutung. Dies heißt nicht notwendigerweise, dass die Studierenden dümmer werden, es ist vor allem die Konsequenz veränderter Studienbedingungen.
Zu nennen – und zu berücksichtigen – sind hier vor allem folgende Faktoren:

  • Druck zur Verkürzung der Studienzeiten bzw. Einführung neuer Studiengänge, die die Einhaltung der Studienzeiten zwingend vorschreiben
  • Vergrößerung der Kurse
  • Umwandlung von einführenden Proseminaren in Vorlesungen
  • Erwerbstätigkeit der Studierenden

Prinzipiell gehen wir davon aus, dass Tutorien nur unterstützende Funktion haben und an reguläre Veranstaltungen angebunden sind. Sie können weder das Eigenstudium noch die Arbeit in Lerngruppen ersetzen. Das Verhältnis Tutorium zu zugeordneter Veranstaltunge sollte vorher geklärt sein.

1.1 Exkurs: wazu TutorInnen?

Manchmal ist die Mitwirkung von TutorInnen in der Lehrveranstaltung, ihre gleichberechtigte Beteiligung an Planung und Durchführung, d.h. eine Art coachendes Teamteaching ertragreicher als ein Tutorium... Sie entlasten die Lehrenden, vor allem in großen Veranstaltungen, sie bringen in die Vorbereitung und Durchführung andere Sichtweisen ein, sie erleichtern die Kommunikation mit den Studierenden... die TutorInnen lernen by doing - bevor sie das erst mal alleine vor der Gruppe stehen.

2 Tutorien sollen nicht sein:

  • Ausgleich für schlechte Lehre
  • Auslagerungsort für prüfungsrelevante Inhalte
  • Ersatz für fehlende Lehrveranstaltungen
  • Versorgungsposten für (angehende) DoktorandInnenn

3 Wozu sollen Tutorien eingesetzt werden und wozu nicht?

Tutorien sollen:

  • in der Regel auf eine dazugehörige Lehrveranstaltung abgestimmt sein (d.h. bei der Planung der Veranstaltung sollte schon berücksichtigt werden, was im Tutorium gemacht werden kann und soll)
  • primär eine Ergänzung zu einführenden Veranstaltungen, v.a. Vorlesungen, sein
  • einen Rahmen bieten für praktische bzw. vertiefende Anwendung des theoretischen Wissens, v.a. der Methoden aus der zugehörigen Veranstaltung
  • in kleinerem Rahmen (20-30 Teilnehmer) mit Raum für Fragen stattfinden
  • für alle Studenten (mehr als momentan) ausreichen
  • im Einzelfall auch der Vermittlung von Schlüsselkompetenzen oder Allgemeinwissen dienen (Brückenkurse oder Repetitorien – z.B. vor Prüfungen oder zu Studienbeginn / Rhetorik-Kurse o.ä.)
  • auch soziale Kompetenzen und den Austausch unter den Studierenden fördern
  • den Zeitaufwand für die Studierenden reduzieren (z.B. indem Lektürehinweise gegeben werden, häufige Missverständnisse/Fehler im Vorhinein erwähnt werden; es geht nicht darum, die eigenständige Arbeit abzunehmen)

4 Wie sollen Tutorien abgehalten werden?

Bereits jetzt werden Tutorien durch Studiengebühren finanziert, in Zukunft sollen Studiengebühren verstärkt zur Finanzierung von Tutorien herangezogen werden. Dies ruft erst recht nach einen verantwortungsvollen Umgang mit ihnen: die studentischen Gremienmitglieder sollten daher verstärkt in die Verteilung eingebunden werden. Vor allem aber gilt es – auch angesichts der bisher praktizierten Verfahren – zu gewährleisten, dass bei der Auswahl der Tutoren und Tutorinnen fachliche und didaktische Kompetenz berücksichtigt werden. Bei der Auswahl und beim Einsatz der Tutoren und Tutorinnen muss beachtet werden:

  • Fachliche Kompetenz geht nicht automatisch mit didaktischer Begabung einher – und umgekehrt
  • die Tutorinnen und Tutoren dürfen nicht auf sich alleine gestellt sein, sie sollten sowohl die Möglichkeit zur fachlichen Nachfrage bei den Lehrenden haben als auch das Angebot einer didaktischen Schulung
  • Tutoren und Tutorinnen dürfen keine Bewertungen vornehmen oder gar Leistungsnachweise erteilen. Über die Vergabe von Teilnahmescheinen muss im Einzelfall geprüft werden, in der Regel dürfte es hier möglich sein, dass das Institut aufgrund der Teilnahmelisten, einen Schein vergibt.
  • Was im Zweifelsfall stärker gewichtet wird, fachliche oder didaktische Kompetenz, sollte mit mehreren Personen vor Auswahl der Tutoren und Tutorinnen besprochen werden. Ausschlaggebend hierbei sollten auch nicht nur die Noten, vor allem solche zurückliegender Semester sein (ein Examenskandidat kann auch fachlich besser sein als derjenige, der gerade die Zwischenprüfung mit 1,0 geschafft hat).
  • Es kommt vor, dass Personen Tutorien leiten, die hierfür nicht geeignet sind, zum Beispiel, weil sie der Aufgabe von der Persönlichkeit her nicht gewachsen sind. Wenn keine geeigneten Tutoren oder Tutorinnen gefunden werden, sollte ein Tutorium ausfallen oder notfalls abgebrochen werden.

5 Wie sollen Tutorien bezahlt werden?

Tutoren und Tutorinnen müssen für ihre Arbeit angemessen entlohnt werden. Die oft relativ zum Arbeitsaufwand schlechte Bezahlung verstärkt die Entwicklung, dass irgendjemand ein Tutorium macht, weil er / sie gerade Zeit hat oder um jeden Preis Geld braucht – auch ohne eigentlich die Zeit zur Vorbereitung zu haben. Dies kann nicht im Interesse der Teilnehmenden sein.

  • die Bezahlung muss den hohen Vor- und Nachbereitungsaufwand, den eine Tutorium auch von den Tutoren und Tutorinnen verlangt, berücksichtigen
  • Grundsäztlich lehnen wir Modelle ab, in denen das Abhalten eines Tutoriums mit einer Scheinvergabe oder dem Erlass von Studiengebühren verkoppelt ist. Durch die direkte Verkopplung mit Gebühren bzw. Scheinerwerb sehen wir die Gefahr, dass die Aufgabe nicht um ihrer selbst willen ausreichend ernst genommen wird; eine Finanzierung des Studiums durch das Abhalten von Tutorien wird aber dadurch nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Es wird aber verhindert, dass die Hochschulen noch weniger Geld bekommen – da sie auf Studiengebühren bzw. de facto kostenlose Arbeitskraft von Studierenden zurück greifen können.
  • Fortbildung muss Bestandteil sein und in der Arbeitszeit enthalten sein (nicht unbedingt komplett, aber z.B. 10 Stunden Fortbildung im Semester) - fachbezogene Angebote für E-Learning etc.

6 Zu der Frage der Anwesenheitspflicht und der Vergabe von ECTS-Punkten

Wir gehen davon aus, dass es immer auch Studierende geben wird, die keines Tutoriums bedürfen. Müssten sie an Tutorien teilnehmen, würden sie die Tutorien überfüllen und auch sonst ggf. behindern. Daher sollten Tutorien Angebote sein, die Institute verpflichtend anbieten sollten, aber von den Studierenden nicht besucht werden müssen. Eigenstudium ist eine Art, sich Inhalte und Methoden anzueignen, das Tutorium ist eine andere kommunikative/kokonstruktive ergänzende Art. Daher darf die Vergabe von ECTS-Punkten nicht an den Besuch eines Tutoriums gekoppelt sein, sondern die ECTS-Punkte werden für den Nachweis der erfolgreichen Teilnahme (geistig und/oder körperlich) an der zugehörigen Veranstaltung (Seminar, Vorlesung, Modul) vergeben.
D.h. es muss Tutorien geben, aber sie dürfen nicht verpflichtend sein. Man kann davon ausgehen, dass der Anteil der Studierenden, die kein Tutorium besuchen, nicht zu sehr schwanken wird, so dass man dies bei der Berechnung der notwendigen Anzahl an T utoren und Tutorinnen berücksichtigen kann. Dies sichert die Planbarkeit aber auch die Abhaltung sinnvoller Tutorien. Dies gilt nicht für Tutorien, die der Vermittlung von Schlüsselkompetenzen dienen.